Frankfurter Allgemeine Zeitung · Mi, 26.07.2017

Wie Schüler zu Unternehmern werden

Von Lisa Becker

FRANKFURT, 25. Juli

Spannende Ideen für neue Produkte haben schon Schüler - wenn man sie dazu ermutigt. Über ihre Phantasie kann staunen, wer auf die diversen Wirtschaftswettbewerbe blickt. Beim "Deutschen Gründerpreis für Schüler" hat dieses Jahr ein Schülerteam des Albert-Schweitzer-Gymnasiums aus Erlangen gewonnen. Die Jugendlichen hatten sich für das Planspiel eine intelligente Handyhülle ausgedacht; sie soll Wärme, die etwa durch Sonneneinstrahlung oder in der eigenen Hosentasche entsteht, thermoelektrisch in Strom umwandeln. Im größten deutschen Schülerfirmen-Wettbewerb "Junior" müssen die Schüler ihre Ideen tatsächlich umsetzen (lassen). Sieger war in diesem Jahr die Gelehrtenschule des Johanneums in Hamburg. Ihr Unternehmen Pacato stellt aus Gewehrhülsen schöne Füllfederhalter her.

Die Internatsschule Schloss Hansenberg landete beim Gründerpreis auf dem zweiten Platz. Schüler des Oberstufengymnasiums aus Geisenheim nehmen regelmäßig an Ökonomie-Wettbewerben teil; die Rheingauer sind besonders aktiv in der "Entrepreneurship Education" und dafür schon von der OECD und der EU ausgezeichnet worden. Für den Gründerpreis hatten sich die Schüler "eBraille" ausgedacht, einen E-Book-Reader für sehbehinderte Menschen. Wenn ihr Lehrer Paul Rauh von den Aktivitäten seiner Schüler erzählt, kommt er ins Schwärmen. Während er sie begleitet, spürt er den unternehmerischen Kitzel, den er aus seinem früheren Leben als Produktmanager eines Pharmaunternehmens kennt. Ist es sogar möglich, die tollen Ideen der Schüler, die oft technischer und naturwissenschaftlicher Art sind, in großem Stil zu vermarkten? Das ist für Schüler schwer, hält Rauh aber nicht davon ab, es zu versuchen. So fährt er mit ihnen zu Unternehmen, zu denen die Produkte passen könnten, um die Chancen auszuloten. Spannende Gespräche entstünden da, erzählt er. Solche Begegnungen dienten in hohem Maße der Persönlichkeitsbildung. Sie ist für die Schule ohnehin das wichtigste Ziel der Entrepreneurship Education.

Malena ist da ein gutes Beispiel. Zusammen mit Niklas, Paul, Rebecca und Moritz ist sie beim Gründerpreis angetreten. Ihr Produkt war das Überwachungssystem "Bambivia": Mit einem Fußband, in dem ein Sensor integriert ist, wird der Herzschlag eines Kindes gemessen und im Alarmfall ein Warnsignal an das Smartphone der Eltern gesendet. Sie habe ganz neue Fähigkeiten an sich entdeckt, sagt die Zehntklässlerin. Als sie früher schon einmal an einem kleineren Wettbewerb teilgenommen habe, sei sie die Sekretärin gewesen und habe Texte getippt. Nun hätte sie gemerkt: "Was ich richtig gut kann, ist, die Konkurrenz zu analysieren." Sie recherchierte tagelang mit ihr vorher unbekannten Methoden und habe "so viel dazugelernt". Und sie sei viel mutiger geworden. So etwas beobachte er ständig an seinen Schülern, sagt Rauh: Malena sei ein schüchternes Mädchen gewesen, heute mache es ihr nichts mehr aus, vor 300 Leuten zu sprechen.

Die Entrepreneurship Education ist der Politik ebenfalls wichtig und wird vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert. Man verspricht sich davon auch einen wichtigen wirtschaftlichen Effekt: mehr Gründungen in einem gründungsarmen Land - in dem zudem ein Drittel der Studenten angibt, später am liebsten für Vater Staat arbeiten zu wollen. "Es wird wenig gegründet in Deutschland", sagt Rolf Sternberg von der Universität Hannover. Der Professor für Wirtschaftsgeographie erstellt seit Jahren innerhalb des Global Entrepreneurship Monitors (GEM), des größten Forschungskonsortiums der Welt zur Analyse von Gründungen, den Bericht für Deutschland. In der Studie gehören die Deutschen regelmäßig zu den Schlusslichtern. Die geringe Gründungsneigung zu verändern sei nicht leicht, denn sie habe viel mit sozialen Normen, der Kultur, der Geschichte und der Einstellung gegenüber der Selbständigkeit zu tun, erklärt Sternberg. So wird in Ländern mit einer in der Vergangenheit hohen Zuwanderung viel mehr gegründet. Beispiele sind die Vereinigten Staaten, Australien, Neuseeland und Israel. "In Deutschland ist hingegen das Vertrauen in den Staat recht ausgeprägt, was für den Entrepreneurship-Geist nicht förderlich ist", sagt Sternberg.

Weil die geringe Gründungsneigung mehrere Ursachen hat, sollte sie auch von mehreren Seiten angegangen werden. Einen wesentlichen Grund vermuten die Gründungsforscher in der Bildung. Im GEM-Bericht ist die schulische Gründungsaubildung seit Jahren der Einflussfaktor, der von Fachleuten mit Abstand am schlechtesten bewertet wird. "Viele Werte und soziale Normen, die ein Mensch für richtig hält, werden in den ersten zwanzig Jahren entwickelt", erklärt Sternberg. "Und was ist in dieser Zeit wichtig? Das Elternhaus, Freunde, Medien und eben die Schule."

Forscher, Lehrer, Politiker und Unternehmer, die sich mit dem Thema beschäftigen, wurden für die Studie gefragt, ob der Unterricht die Schüler zu Kreativität, Selbständigkeit und Eigeninitiative anrege. "Das Ergebnis war sehr negativ, auch im internationalen Vergleich", sagt Sternberg. Zudem glaubte kaum einer der Fachleute, dass die Schüler in der Schule erfahren, dass die selbständige Beschäftigung eine selbstverständliche Alternative zur abhängigen Beschäftigung ist.

Dazu passen die Ergebnisse einer Schulbuchuntersuchung von Wissenschaftlern der Universität Siegen im Auftrag der Verbände "Die Familienunternehmer" und "Die Jungen Unternehmer", die im Frühjahr veröffentlicht wurde. Unternehmertum und Gründungen würden in vielen Büchern vernachlässigt und die Unternehmerpersönlichkeit kaum thematisiert, heißt es dort. Wenn überhaupt, dann werden Unternehmer in den Büchern sehr abstrakt dargestellt, mit wenig Bezug zur Lebenswirklichkeit der Schüler. Diese erfahren nicht, was Unternehmer antreibt, welche schwierigen Entscheidungen sie treffen müssen und welchen gesellschaftliche Beitrag sie leisten.

Anders ist das allerdings in einem fundierten Wirtschafts- oder berufsorientierenden Unterricht. "Doch ist in weiten Teilen des allgemeinbildenden Schulsystems Wirtschaft immer noch lediglich ein Bestandteil innerhalb von Kombinationsfächern. Daher können Unternehmertum und Gründungen allenfalls randständig behandelt werden", sagt Teita Bijedic, Wissenschaftlerin am Institut für Mittelstandsforschung in Bonn. Ein positives Gegenbeispiel sei das Fach "Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung", das in Baden-Württemberg nun von der siebten Klasse an auf den Lehrplänen steht.

Schüler zu Gründern oder Unternehmensnachfolgern zu "entwickeln" könne freilich nicht das Ziel der Entrepreneurship Education sein, erklärt die Bildungsexpertin. Sie solle die Schüler aber dazu anregen, sich mit ihren Neigungen und Eignungen auseinanderzusetzen, um eine mündige Entscheidung für oder gegen eine selbständige Erwerbstätigkeit treffen zu können. Und sie solle Fähigkeiten vermitteln, die zu unternehmerischem Denken und Handeln in verschiedenen Situationen befähigten und motivierten - dieses sei auch in einer abhängigen Beschäftigung zunehmend gefordert.

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