Es gibt kaum einen Ort im Rheingau, an dem das Theater so viel Raum erhält wie an der Internatsschule Schloss Hansenberg. Dass die Liebe zum Theater verfängt, zeigte der Abiturjahrgang am vergangenen Freitag und Samstag. Fast 30 Schülerinnen und Schüler brachten unter der Leitung ovn Dr. Gerhard Müller zwei Stücke auf die Bühne, die sie aus einer Vorauswahl selbst ausgesucht hatten. Dem Publikum gefiel´s – und auch die Jugendlichen selbst konnten so einiges aus dem Stoff mitnehmen.
Warum es Schlimmeres gibt, als hässlich zu sein
Wie stark definieren wir uns über unser Äußeres, in Zeiten von Gyms und Beauty-Trends? Wo verschafft uns unser Aussehen Vor- und Nachteile? Und wie flüchtig sind Schönheitstrends übrhaupt? Drei Fragen, denen der Theateruutor Marius von Mayenburg bereits 2007 in seinem Stück „Der Hässliche“ nachgegangen ist. Ein Jahr, in dem man Fitness-Studios wohl eher wegen Rückenproblemen als aus Konformitätsdruck besuchte. Und ein Jahr, in dem die 16 Hansenbergerinnen und Hansenberger, die den „Hässlichen“ auf die Bühne brachten, gerade erst das Licht der Welt erblickten. Das Thema des Abends ist dennoch brennender denn je – suchen einige Jugendliche auf der Bühne doch selbst regelmäßig das internatseigene Studio auf. Umso mehr nahmen sie das Publikum mit, nutzten den Humor des Stücks voll aus, um dann in einem ernsten, bisweilen chorischen Finale in einer Figur zu verschmelzen. Zum Inhalt: Da macht ein emsiger Elektro-Ingenieur namens Lette eines Tages eine grausige Entdeckung. Anscheinend ist er unsagbar hässlich. Doch weder Kollegen noch Ehefrau haben ihn je darüber aufgeklärt. Die Folge: anstatt seiner soll Entwicklerassistent Karlmann zu dem Kongress ins schweizerische Brig reisen, um den neuen Stromstecker zu präsentieren. Das ist für Lette natürlich eine Unverschämtheit. Doch der Protagonist verzagt nicht, denn schnell ist ein Schönheitschirurg bei der Hand. Der hält sich selbst eher für einen Künstler und verpasst Lette kurzerhand das schönste Gesicht der Welt. Eine Operation von wenigen Stunden wird für den Ingenieur zum lebensverändernden Eingriff. Plötzlich darf er nicht nur seinen Stecker präsentieren, sondern verdient auch Geld und Ruhm einzig durch seine Präsenz auf Vorträgen und Seminaren. Was folgt, ist nicht nur Reichtum und Selbstvertrauen, bis hin zur Arroganz. Lette, der zuvor noch aussah „wie altes Hackfleisch“, hat jetzt Zugang zu 25 Frauen – den er nach erstem Zögern dann auch eifrig nutzt.
Bin das ich, oder ich, oder wer?
Doch wie jede einfache Lösung hat auch diese einen Haken. Denn der Chirurg erntet ebenfalls Ruhm mit seinem Gesicht, und verpasst es kurzerhand allen, die ihm genügend Geld dafür bieten. Ehefrau Fanny sieht plötzlich an jeder Ecke ihren Mann stehen, und auch Assistent Karlmann unterzieht sich dem Eingriff. Ab hier beginnt das Unglück. Lette wird erst austauschbar und nach einigem Murren fristlos entlassen. Seine Frau betrügt ihn mit Männern, die so aussehen wie er. Und Geld hat der Wissenschaftler, der schon lang nichts mehr entwickelt hat, auch keins mehr. Aber wer ist Lette überhaupt? Ist es der da im Spiegel? Der da drüben an der Ampel? Oder der neue Liebhaber? „Bin das ich, oder ich, oder wer?“ fragt sich da der Protagonist, der plötzlich überall sich selbst sieht. Statt 25 Frauen warten jetzt 25 Stockwerke auf ihn, die er im Aufzug absolviert und kurzerhand herunterspringen möchte. Da hält ihn Fanny auf, wie alle Rollen mehrfach besetzt. In einem chorischen „Wollen wir nicht langsam ins Bett gehen?“ sinken die Schauspielenden nieder, als eine große Masse schöner Menschen, die ihre Individuen schon längst verloren haben. Eine große Stärke des Stückes ist die vom Autor vorgegebene Mehrfachbesetzung. Chefingenieur Scheffler spielt gleichzeitig den Chirurgen, Ehefrau Fanny eine liebeshungrige Geschäftspartnerin, und dessen Sohn Karlmann wird von denselben Leuten gespielt wie der gleichnamige Assistent. Diese verblüffende dramaturgische Struktur verstärken die angehenden Abiturientinnen und Abiturienten, indem sich je drei bis fünf von ihnen eine Rolle teilen. Was am Ende bleibt, außer viel imaginärem Silikon das an den Lettes und Karlmännern haftet? Die Lust am eigenen Sein, an der Einzigartigkeit. Ein Schüler berichtet: „Ich habe mich bei der Erarbeitung irgendwann gefragt – wie leicht bin ich zu ersetzen? Wenn ich morgen tot umfallen würde, wie lang würden sich die Leute noch an mich erinnern?“ Vielleicht bleibt aber auch, etwas positiver formuliert, ein Moment der Selbstakzeptanz für genau das, was einen da jeden Morgen im Spiegel angähnt.
Wenn ein Staatsanwalt zur Rebellion aufbricht
„Am Hansenberg haben wir Raum für die Kultur, als ein ganz wichtiges Gut“. So formulierte es Schulleiterin Annette Petri nach der Vorstellung. Die Schule hat sogar so viel Raum dafür, dass ganze zwei Inszenierungen geprobt und aufgeführt werden konnten. Das zweite, blutigere Stück ist „Graf Öderland“ von Max Frisch. Der Schweizer schrieb es vor seinen berühmten Stücken wie „Andorra“ oder „Biedermann und die Brandstifter“, die nicht wenige Jugendliche heute noch als Schullektüre kennen. Dem Stoff von „Graf Öderland“ geht eine Zeitungsnotiz voraus. Die Nachricht: ein völlig unauffällig lebender Bankangestellter erschlägt seine ganze Familie mit seiner Axt, ohne einen Grund angeben zu können. Max Frisch verband diese skurrile Begebenheit mit Erinnerungen von Seminaren eines Staatsanwalts, der an selbstgesetzten Lebensaufgaben scheiterte und Selbstmord beging. Beide Personen kommen abgewandelt auch als Figuren in „Graf Öderland vor“. Da klagt ein Staatsanwalt einen Mörder an, der ohne erkennbares Motiv gehandelt hatte. Er gerät darüber in eine Krise. Eines Abends erzählt ihm sein Dienstmädchen Hilde beim Feueranzünden ein Märchen. Darin geht es um den Graf Öderland mit der Axt in der Hand, der überall, wo er hinkomme, Unheil stifte. Dies veranlasst den Staatsanwalt dazu, alle und alles um ihn herum zu verlassen. Er hinterlässt eine erschrockene, ihm aber ohnehin entfremdete Frau und flieht aufs Land. Bei einer Bauernfamilie eignet er sich dann die Identität des Graf Öderland an. Er scharrt Anhänger um sich und führt unter dem Zeichen der Axt eine Rebellengruppe an. Von nun an wird die Handlung schneller, aber nicht weniger skurril. Die Rebellen graben einen Tunnel unter die Residenz, wo Monarchie und Politik gerade fröhlich einen Empfang feiern. Nur knapp gelingt die Übernahme der Residenz. In der letzten Szene wacht der Graf in seinem alten Haus auf. Zunächst denkt er wohl, er hätte das alles nur geträumt. Doch dann erkennt er sein Büro als durchsucht, Ehefrau Elsa samt heimlichen Geliebten versuchten vergeblich, ihn zu finden. Und doch kann am Ende niemand die Machtübernahme aufhalten – die Rebellen siegen, und das Stück endet mit dem Angebot des greisen Staatspräsidenten an den Staatsanwalt, die Kontrolle im Staate nun auch formell zu übernehmen.
Bezüge zum Heute lassen sich finden – gerade im Internat
Max Frisch schrieb politisch-kritisch, diese Züge sind auch in „Graf Öderland“ zu erkennen. So ist der Bankangestellte vom Anfang Opfer des kapitalistischen Systems, in dem er eine langweilige Existenz als kleines Zahnrädchen führt. Das Stück zeigt, dass auch scheinbar anerkannte Persönlichkeiten aus dem üblichen Turnus ausbrechen können. Es zeigt, wie brüchig feste Strukturen sind und wie mächtig der Drang nach Freiheit, der Aufbruch aus gesellschaftlichen Zwängen, sein kann. Ein nicht unwichtiges Thema für die Internatsschülerinnen und Internatsschüler. Sind sie doch in einem Umfeld zu Hause, das stets zwischen jugendlicher Freiheit und pädagogischer Kontrolle changiert.
Autor: Hendrik Heim