Di, 14.04.2020

Nur die Gemeinschaft fehlt

F.A.Z., 14.04.2020, Rhein-Main (Rhein-Main-Zeitung), Seite 40

Nur die Gemeinschaft fehlt

GEISENHEIM Der Unterricht an der Internatsschule Hansenberg geht nach Stundenplan weiter. Die Schüler haben alle Laptops zu Hause.

Von Oliver Bock

Schloss Hansenberg im Rheingau ist noch immer ein Solitär in der hessischen Schullandschaft. Seine zweite Leiterin steht kurz vor dem Abschied in einer schwierigen Zeit. Susanne Gebauer hat sich das Schuljahresende ganz anders vorgestellt. Nicht nur wegen der Abiturienten, die auf ihre traditionellen Feiern verzichten mussten, sondern auch wegen ihres eigenen, bald bevorstehenden Abschieds. Nach sieben Jahren an der Spitze der Internatsschule Schloss Hansenberg geht die Pädagogin mit dem Ende des Schuljahres in den Ruhestand.

Gebauer ist erst die zweite Leiterin des Oberstufengymnasiums für besonders begabte, leistungsstarke und sozial engagierte Schüler. Die Schule ist ein 23 Millionen Euro teures Leuchtturmprojekt, das der ehemalige Ministerpräsident Roland Koch (CDU) vor fast 20 Jahren gegen viele politische Widerstände durchgesetzt und gefördert hatte. Erster Schulleiter war Wolfgang Herbst, der 2013, zehn Jahre nach der Aufnahme des ersten Jahrgangs, in den Ruhestand ging.

Gebauers Mission als Nachfolgerin war es, die Schule mit ihren 200 Internatsplätzen zu einem integralen Bestandteil der hessischen Schullandschaft zu entwickeln. Das ist der ehemaligen Leiterin des mit rund 1300 Schülern deutlich größeren Wolfgang-Ernst-Gymnasiums in Büdingen auch gelungen. Die Johannisberger Elite-Schule, die sich nicht so nennt, ist nur Vorreiterin bei der Begabtenförderung im Land, von deren Erfahrungen auch andere Schulen profitieren sollen.

"Es waren sieben Jahre Schulentwicklung im Eiltempo", die so woanders gar nicht möglich gewesen wären, sagt Gebauer. Der "Hansenberg" sei in dieser Hinsicht ein bildungspolitisches Schnellboot, während manch andere Schule eher einem "Tanker" gleichkomme, wenn es um eine Kursänderung gehe. Gebauer sieht eine zunehmende Akzeptanz und Aufmerksamkeit für den "Hansenberg" im Land, und sie begründet das ganz selbstbewusst: "Wir sind einfach gut."

Der Erfolg lässt sich an den Bewerbungen ablesen. 300 Kandidaten gab es zuletzt für die 64 Internatsplätze des neuen Jahrgangs. Zwanzig Prozent mehr als im Schnitt der früheren Jahre. 120 Schüler haben es in die engere Auswahl geschafft. Wegen der Corona-Krise blieb ihnen danach das übliche Aufnahme-Interview verwehrt. Die Schule muss nun anhand der Unterlagen, Tests und eingereichter Videos ihre Entscheidung treffen.

Die von der Ausbreitung des Coronavirus erzwungene Schulschließung traf den Hansenberg zu einem vergleichsweisen günstigen Zeitpunkt, denn alle drei Wochen müssen die Internatsschüler ohnehin für ein Wochenende nach Hause fahren. Am Montag darauf durften sie nicht mehr zurück, aber schon am Dienstag wurde der Unterricht fortgesetzt. Pünktlich nach Stundenplan, wenn auch von zu Hause aus. Um 7.45 Uhr begann Gebauers Stellvertreter Stefan Happel mit seinem Chinesisch-Unterricht.

Mit Hilfe von Messenger-Diensten, Video-Chats und anderen Online-Instrumenten, die auch eine Aufteilung in kleine Lerngruppen ermöglichen, wurde seither der Unterricht nach Stundenplan fortgesetzt. Gebauer hält das für besser, statt den Schülern einfach nur ein Aufgabenpaket für mehrere Tage oder Wochen zu schicken. "Die Schüler schätzen den strukturierten Tag", sagt Gebauer. Ausnahmslos mit Laptops ausgestattet, lernen die Schüler zu Hause weiter.

Dennoch sei die Corona-Krise für die Internatsschüler besonders hart, weil ihnen die soziale Gemeinschaft auf dem Hansenberg sehr fehle, sagt Gebauer. Ganz abgesehen davon, dass derzeit alle Schulwettbewerbe ruhen, an denen sich die Hansenberger stets in großer Zahl und auch mit großem Erfolg beteiligen.

Für den Hansenberg wird die noch nicht absehbare Rückkehr in die Normalität schwieriger als für normale Schulen. Das Gesundheitsamt muss das Internat wieder freigeben, die Eltern müssen instruiert, die Mensa muss wieder in Betrieb genommen werden, und Busse und Bahnen müssen wieder fahren.

Gebauer rechnet mit mindestens einer Woche Vorlaufzeit, damit der Hansenberg seine Arbeit in dem 1824 von Johannes de Laspée erbauten Schlösschen und seinen modernen Nebengebäuden wiederaufnehmen kann. Vielleicht ja schon am 4. Mai. Unter Gebauers Leitung hat sich der Hansenberg mit Erfolg um zahlreiche Zertifizierungen und Gütesiegel beworben wie beispielsweise jene für Schulen mit vorbildlicher Berufs- und Studienorientierung. Die pädagogischen Erfolge bestätigen auch Zwischenergebnisse einer Langzeitstudie der Uni Mainz. Demnach sind die Hansenberg-Absolventen besser als viele ihrer Kommilitonen auf die Universität vorbereitet. Überdurchschnittlich viele belegen an der Uni naturwissenschaftliche Fächer, studieren Politik oder Wirtschaft und trauen sich ein Doppelstudium zu.

Der Erfolg lässt sich auch an der engen Bindung der "Ehemaligen" ablesen, die einen Verein und eine Stiftung gegründet haben und Stipendien für jene zur Verfügung stellen, deren Elternhaus die 360 Euro monatlich für Unterkunft und Verpflegung überfordern. Jeder zehnte Hansenberger erhält Bafög-Leistungen, die ihm den Aufenthalt ermöglichen.

Eine Änderung wird das Jahr im Hinblick auf die schon von Roland Koch geförderte Partnerschaft mit großen Wirtschaftsunternehmen bringen. Der Vertrag mit der Linde AG läuft in diesem Jahr aus. Wer danach zu den Partnern Fraport und Merck hinzustößt, ist noch ungewiss. Unklar ist auch, wer auf Gebauer folgen wird. Das Kultusministerium hüllt sich in Schweigen.

Gebauer selbst ist zufrieden, dass es gelungen ist, das Oberstufengymnasium in den zurückliegenden Jahren vor allem didaktisch weiterzubringen. Im Mittelpunkt steht das "selbständige und personalisierte Lernen". Im "Lernlabor" ruft der Schüler jene Inhalte, Übungen und Vertiefungen ab, die er selbst für notwendig hält. Wie sehr das Internat das Gemeinschaftsgefühl prägt, das hat sich laut Gebauer in der Krise deutlich gezeigt: "Den Abiturienten fehlte das soziale Abschiednehmen."

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