Mi, 21.10.2020

Interview mit Schulleiter Thomas Heins

Im Büro des Schulleiters, einige Wochen nach Schuljahresbeginn. Nach dem Abschied von Frau Dr. Gebauer im letzten Jahr sitzt jetzt er auf ihrem Platz und wir fragen uns, wie ist er so und was sind seine Ziele und Vorhaben. Thomas Heins, geboren am 8. Mai 1958 in Lübeck ist der neue Schulleiter der Internatsschule Schloss Hansenberg. In seiner Laufbahn als Lehrer war er schon an vielen interessanten Schulen, wie der deutschen Schule in Mexiko-Stadt oder in Asunción in Paraguay. Auch hier hat er schon unterrichtet und hat die ersten Jahre des Hansenbergs miterlebt. Ein Gespräch.

 

Herr Heins, wann haben Sie das erste Mal vom Hansenberg gehört und was haben Sie sich dabei gedacht?

Oh, das erste Mal vom Hansenberg habe ich im Jahr 2003 gehört. Da war ich vorher in Mexiko an der deutschen Schule in Mexiko-Stadt und kam zurück und hatte im Kultusministerium ein Gespräch. Die suchten noch jemanden für Mathematik, Physik, Informatik und damals war man damit beauftragt die Schule zu gründen und Lehrer zu suchen, Ausstattung zu suchen etc.. Und ich hatte den Eindruck, dass das eine ganz wunderbare Schule wird und man dort eine ganze Menge mitgestalten kann… Das war ein sehr nettes und sehr positives Gespräch und deshalb habe ich dann gesagt, ja, dann mach ich das, denn ich wusste ja, wenn ich aus Mexiko zurückkomme geht es irgendwo an irgendeine Schule und das war dann eine schöne Möglichkeit. Und da habe ich mich gefreut, dass das Kultusministerium dann auch gesagt hatte, dass ich dort anfangen kann.

 

Hatten Sie irgendwie Zweifel am Hansenberg…

Ne

…mit den Konzepten, Lernlabor…

Ne, das gab´s damals noch nicht. Es gab noch kein Lernlabor. Das haben wir uns sozusagen alles selbst ausgedacht. Das war ja die große Möglichkeit.

 

Was ist der deutlichste Unterschied, den Sie merken, von damals zu heute, nachdem Sie wiedergekommen sind?

Mmh, das ist noch schwierig zu sagen, weil ich ja jetzt in einer anderen Position hier bin. Damals war ich normaler Lehrer und jetzt bin ich ja Schulleitung und das ist schon eine ganz andere Position.

Aber was sich sicherlich verändert hat: Wir haben damals die Schule neu gegründet und haben Strukturen geschaffen, damals gab es eben auch noch kein Lernlabor und als ich das hörte und davon ein bisschen gelesen habe, fand ich das ein sehr interessantes Konzept und ich habe den Eindruck, dass in den letzten Jahren, unter Frau Dr. Gebauer, noch eine ganze Menge in der Unterrichtsentwicklung geschaffen wurde.

Aber vom Prinzip her – klar, vieles ist ähnlich geblieben: es gibt auch jetzt noch Studientage, früher waren das viel mehr, dafür gab es eben kein Lernlabor, und im Augenblick sind es nochmal weniger Studientage durch Corona.
Und was sich auch nicht verändert hat: man hatte noch nicht sehr konzeptionell gearbeitet. Und danach versuche ich jetzt gerade zu schauen: Wie können wir manche Dinge konzeptionell festhalten, verschriftlichen und dann mehr nach außen wirken? Ja, zu sagen, wir laden jetzt auch andere Kollegen aus dem Land ein, sich f in der Förderung begabter Schülerinnen und Schüler fortzubilden. Das gab es vorher so noch gar nicht. Da war man erstmal mit dem Aufbau der Schule, also sich selbst beschäftigt.

 

Wie meinen Sie das – „nach außen wirken“?

Außenwirkung und Außendarstellung. Zu fragen, was haben wir jetzt eigentlich gelernt in den Zeiten, seitdem der Hansenberg besteht und wie können wir das weitervermitteln an die anderen Schulen, die eben keine Spezialschulen sind. Es gibt ja auch dort viele begabte Schülerinnen und Schüler und ich denke, da müssen wir auch etwas weitergeben.

 

Was ist Ihre erste bzw. wichtigste Kindheitserinnerung, die Sie haben?

Eine ist, dass wir mit meinen Eltern und meinem Bruder, an den Wochenenden meistens irgendwie rausgefahren sind in den Wald zum Spazierengehen, Laufen, Pilze Sammeln und ich so immer sehr gerne meine Wochenenden in der Natur verbracht habe. Das war immer sehr schön, wir sind dann oft lange gelaufen und waren immer im Herbst eben zum Pilze sammeln und dann haben wir die gemeinsam zubereitet und geguckt wie viel Maden drin sind (lacht) und alle haben geholfen und am Ende des Tages haben wir ein Pilzgericht gemacht und gemeinsam gegessen.

 

Zurück zum Hansenberg: Was wollen Sie unterstützen, beibehalten oder haben Sie noch ganz neue Pläne?

Es kommen immer Anregungen von verschiedensten Seiten, die zwischendurch reinkommen, wo ich denke: Mensch, daraus könnte man doch eigentlich auch etwas machen. Vorgestern kam vom staatlichen Schulamt so ein Hinweis. Ein Förderprojekt für sozial schwache, aber leistungsstarke Schüler und wie man diese besser integriert oder wie man Schulversagen von denen, die eher leistungsschwach sind, verhindert und wie man die Benachteiligung durch soziale Unterschiede abschafft.
Das ist ja ein Problem, das Deutschland immer vorgeworfen wird: dass es hier nicht so ausgleichend zugeht, wie in Skandinavien oder in anderen Ländern. Dass Bildung hier doch auch sehr von der sozialen und monetären Situation abhängt. Und dazu dachte ich, wäre es ganz schön, wenn ihr, wenn unsere Schüler, irgendwie vielleicht eine Patenschaft oder eine Partnerschaft mit Schülern von irgendeinem anderen Gymnasium eingehen könntet.
Ich weiß noch nicht genau wie das funktionieren könnte, aber wenn man da sagt, ihr stellt mal Kontakt her mit genauso Begabten, die aber an einer öffentlichen Schule sind und ihr macht gemeinsame Projekte oder begleitet sie und gebt denen das weiter was ihr hier am Berg gelernt habt, z.B. zum Selbstmanagement. Das wäre so eine Sache, wodurch wir auch bekannter werden könnten an anderen Schulen. Natürlich muss man sehen, wie man diesen Kontakt herstellt. Das ist auch noch kein Konzept, das ist nur so eine Idee, die ich gerade habe.
Was ist noch zu tun? - Da hatte ich schon gesagt, mal ein bisschen konzeptioneller zu arbeiten und auch ein bisschen mehr zu schauen, uns ausrichten, so dass wir uns nicht zu sehr verzetteln: Wir leben dann nicht mehr nach der Devise: „Hier machen wir alles“, sondern wir sagen auch mal bewusst: das machen wir jetzt vielleicht nicht, aber wir geben mehr Ressourcen und mehr Fortbildung für die Kolleginnen und Kollegen in diesen und jenen Bereich. Das so ein bisschen zu strukturieren. Das wäre so eine zweite Sache. Dann klar, die Außenwirkung, die Wahrnehmung nach draußen, das wäre so eine dritte Sache.
Und jetzt in Corona Zeiten ist besonders schwer: aufpassen, dass wir uns nicht verlieren, sondern dass wir als Gemeinschaft auch weiterhin wirken können. Das finde ich eine ganz, ganz schwierige Sache, weil wir euch in dieser Zeit ständig sagen, was ihr nicht machen dürft: „Dies geht nicht und das geht nicht und das geht nicht“; das ist genauso frustrierend für euch wie für uns und da geht dann so ein bisschen das Gemeinschaftsgefühl, ich will nicht sagen verloren, aber ist dann vielleicht nicht mehr so stark entwickelt und wenn wir das wieder verbessern könnten, das wär mir auch ein Anliegen. Aber wie gesagt Corona ist da schon beinhart im Augenblick.

 

Wenn Sie konzeptioneller sagen, was genau meinen Sie?

Wir müssen uns einige Dinge grundlegend überlegen: nehmen wir z.B.  das Auslandspraktikum: Warum ist uns das Auslandspraktikum wichtig, warum muss das Betriebspraktikum im Ausland sein, was geben wir als Ressourcen in die Vorbereitung, Begleitung und wie läuft die Vorbereitung, wie sollte sie laufen, wie kann sie verbessert werden?
Dass man die Überlegungen und Ergebnisse dazu mal zusammenschreibt.
Oder dann gibt es doch als einen anderen Punkt die Lernvereinbarungen. Man kann ja aus dem Unterricht sozusagen ausscheren und was Besonderes machen. Irgendwie gibt es da so ein Formular, aber wie der gestaltet und ausgefüllt werden soll, was bedeuten Lernvereinbarungen, wie soll die Lehrkraft begleiten, wie sollen Lernvereinbarungen bewertet werden? Das alles ist nirgendwo festgehalten. Also, dass wir uns auch über solche Dinge Gedanken machen und sagen, so und ist das nun für uns verbindlich.
Und erst dann können wir auch im nächsten Schritt sagen, wir haben das, das, das und das als unsere Bausteine der Begabtenförderung hier am Hansenberg und dafür haben wir hier Beispiele, da könnt ihr euch etwas abgucken für andere Schulen. Aber das setzt eben ein Konzept voraus. Ich kann nicht einfach sagen: „ach der Herr Heins hat jetzt mal dies und jenes in seinem Informatik-Unterricht gemacht, ob das gut war, weiß ich nicht, aber das könnt ihr euch ja angucken“. Das reicht nicht. Da müssen wir dann schon konzeptionell begründen, warum hat er das gemacht? Ist das herausgekommen was er wollte? Dabei hilft uns dann auch die Zusammenarbeit mit den Unis und in landesweiten Projekten, damit wir dann, wenn wir am Hansenberg etwas erarbeitet haben, sagen können: So und jetzt gehen wir damit raus und sagen, das könnt ihr auch benutzen. – Das sind so ein paar wichtige Aufgaben.

 

Die Kommunikation mit Universitäten ist sicherlich eine der großen Vorteile, die der Hansenberg hat, welche Schwierigkeiten sehen Sie für den Hansenberg?

Schwierigkeiten oder Nachteile für den Hansenberg sehe ich eigentlich nicht. Also, ich glaube es ist kein Akzeptanzproblem der Internatsschule Schloss Hansenberg mehr da. Zu Beginn war es vielleicht so: „Ja, Internat, das sind irgendwelche so abgehobenen schrägen Leute.“ Ich glaube das ist heute nicht mehr so. Und insofern sehe ich da jetzt auch keine Nachteile für die Institution Hansenberg.

Aber natürlich kostet der Hansenberg das Land Geld, das muss man deutlich sehen. Aber deswegen ist ja auch sozusagen eine Verpflichtung, dass wir eben auch mehr als andere Schulen bieten und das gilt sowohl den Schülern wie auch den Kolleginnen und Kollegen an anderen Schulen gegenüber. Dieser Verpflichtung müssen wir nachkommen.

Die andere Seite müsst ihr beantworten, wie das für euch ist mit den Nachteilen. Ihr seid aus der Familie raus, das ist natürlich eine wichtige Bezugsgröße, ihr seid unter euch und das mag ja auch nicht immer einfach sein. Natürlich ist das in gewisser Weise eine schwierige Erfahrung, manchmal vielleicht für eure Eltern mehr noch als für euch.

 

Als letzte Frage: Welche Tipps würden sie denn zukünftigen Bewerbern geben, vielleicht von Schulleitern zu zukünftigen Schülern?

Was wir auch sonst immer sagen: Offen zu sein für Neues, auch offen zu sein, etwas anders zu machen. Sich einlassen auf den Internatsbetrieb. Aber auch mit offenen Augen hierherzukommen: Also nicht zu sagen, das finde ist alles ganz toll, hier gibt es Smartboards und Ausstattung so viel ich will, sondern eben auch genau hinzugucken, was bedeutet es im Internat zu leben.  Nicht darin zu verfallen, zu sagen, ich möchte die beste Abiturnote haben, ich möchte dies und ich möchte das, sondern mit dem Ansatz herkommen: Was kann ich den anderen bieten und beitragen zur Gemeinschaft Hansenberg und für andere.“ Ich glaube der Hansenberg hat auch zusätzliche Herausforderungen, die als Schüler bewältigt sein wollen und er biete gleichzeitig viel Bereicherndes. Wenn aber mein erstes Ziel ist, die beste Abiturnote zu erzielen, will dann gehe ich vielleicht auf eine andere Schule.

 

Die Fragen stellten Pauline Wahl und Felix-Maximilian Wenzel. Das Interview wurde gekürzt.

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