Lilli Bluhm · 07.10. - 01.11.2019

Indien

11.870 Meter über der Erdoberfläche und noch knapp eine Stunde, bis ich den Flughafen von Neu-Delhi erreiche. Dies zeigt zumindest das kleine Display vor mir an.

Langsam lasse ich meine Gedanken erneut rund um das Thema Indien kreisen. Was mich dort wohl erwarten wird? - In einem Land, das regelrecht für seine Gegensätze bekannt ist, über mehr als 20 Amtssprachen, Hunderte von Regionalsprachen und die unterschiedlichsten Religionen verfügt; dem Land mit der zweitgrößten Bevölkerungsanzahl, mit einem Viertel Analphabeten und das zugleich in der Vergangenheit trotzdem für riesige wissenschaftliche Erfolge gesorgt hat;  einem Land, dessen Städte aus allen Nähten zu platzen drohen, in dem allerdings vier von fünf Indern ihren Lebensunterhalt mühselig durch Ackerarbeiten verdienen...

„Du liebst es oder du hasst es!“, las ich in einem Buch über Indien. Ob dies auch auf mich zutraf, durfte ich in den nächsten vier Wochen erfahren.

Den ersten Kulturschock bekam ich, als ich am Flughafen in Dehradun von einem Taxifahrer abgeholt wurde und wir uns auf den Weg zu meiner Gastfamilie machten. Dass die StVO hier in Indien keine Rolle spielte, fiel mir direkt nach dem Einsteigen in das Auto auf, denn andere Taxifahrer hatten bereits in zweiter Reihe geparkt und machten erst nach lautstarkem und energischem Hupen Platz, sodass wir uns endlich auf den Weg begeben konnten. Laut Google Maps sollte diese Fahrt etwas weniger als zwei Stunden dauern. Wir waren jedoch - trotz Kühen, die die Straße erst verließen, nachdem der Taxifahrer sie mit viel Mühe und Hilfe von Leckereien von der Straße gelockt hatte und für deutsche Verhältnisse starkem Verkehr, schon nach knapp einer Stunde an unserem Ziel - was daran lag, dass der Fahrer in 30er Zonen mindestens 80 fuhr und andere Verkehrsteilnehmer (natürlich hupend) sowohl links als auch rechts überholte. Fast angekommen gab es tatsächlich doch etwas, was den Taxifahrer aufhalten konnte – Straßenbauarbeiten. Kurzerhand wurde also meine Gastmutter verständigt, welche ihren Fahrer bat, mich mitsamt meines Gepäcks abzuholen. Daraus resultierte eine für mich sehr aufregende Mofafahrt (ohne Helm, aber mit einem Haufen Gepäck) – in Indien alles „no problem“.

In den kommenden vier Wochen, sollte es an kulturellen Einblicken nicht fehlen. Bereits an meinem vierten Tag hatte ich die Möglichkeit eine indische Hochzeit mitzuerleben – zwar ohne Braut (die tauchte auf ihrer eigenen Hochzeit nämlich als letztes auf) und Tanz, aber mit total leckerem vegetarischem Essen.

Vom indischen Essen war ich sowieso stets begeistert - genauso groß wie der Subkontinent selbst, war auch die Auswahl an leckeren Gerichten. Wann immer ich die Küche betrat, roch es nach einem der vielen wunderbaren Gewürze und die Teller waren immer farbenfroh gefüllt.

In der letzten Woche feierte ich gemeinsam mit meiner Gastfamilie Diwali, eines der wichtigsten hinduistischen Feste. Die Straßen und Häuser wurden am ersten Tag des Fests mit Lichtern, Kerzen und bunten Zeichnungen geschmückt. Meine Gastmutter lieh mir einen Sari, ein indisches Gewand, für das ich gefühlte Ewigkeiten brauchte, um es anzuziehen. Wir zündeten etwa hundert Kerzen an und bemalten den Hauseingang mit indischen Ornamenten. Es gab mal wieder leckeres Essen, besonders der Nachtisch konnte mich begeistern, es handelte sich um eine Art Kuchen, der mit Kichererbsenmehl und Pistazien zubereitet war und zur Krönung rundherum Feuerwerk.

An den Wochenenden hatte ich das Glück, dass meine bestimmt achtzigjährige Gastoma sehr unternehmungslustig war und so standen Ausflüge in das Bergdorf Mussoorie und die Yogawelthauptstadt Rishikesh an - zwei wunderschöne, aber doch total unterschiedliche Städte. Während wir in Mussoorie durch die Natur wanderten und einen unglaublich tollen Blick auf die schneebedeckten Berge Tibets hatten, zeigte sich Rishikesh von seiner spirituellen Seite. Wir sahen unzählige Tempel und spazierten entlang des Ganges, dem heiligen Fluss der Hindus. Ich nahm zwar kein Bad aus Angst vor den vielen Kolibakterien, aber meinen kleiner Finger musste ich trotzdem in das heilige Wasser tauchen.

Auch nachmittags standen einige Ausflüge an. Gemeinsam mit meinen Gastschwestern besuchte ich zum Beispiel die sogenannte Rober‘s Cave – ein wunderbares Naturspektakel, denn ein knietiefer recht schmaler Fluss hatte sich hier den Weg durch einen Felsen gegraben. In ausgeliehenen FlipFlops, meine rissen leider auf dem Hinweg, liefen wir flussaufwärts durch die Schlucht, bis wir an einem Wasserfall ankamen. Den Weg aus der Schlucht heraus ließen wir uns auf dem Rücken liegend treiben. Laut lachend und ineinander verhakt, kamen wir schließlich aus der Schlucht geströmt, ganz zur Belustigung anderer Touristen. Etwas weiter flussabwärts machten wir eine Wasserschlacht und genossen unser mitgebrachtes Picknick.

Zum Abschluss meiner Zeit in Indien sollte ich mich nochmal glücklich über die tägliche 2 GB Datenflat schätzen, die in Indien übrigens keine 3 Euro im Monat kostet – einfach unglaublich! An meinem vorletzten Tag in Indien wollte meine Gastschwester mir nämlich noch einen der größten Tempel in der Umgebung zeigen. Leider verfuhr sich jedoch unser nur Hindi sprechender einheimischer Fahrer und wir gurkten fast anderthalb Stunden durch die Gegend, bis wir dies endlich bemerkten. Während ich versuchte, ihm mit Hilfe von Google Maps den Weg zu erklären, zuckte meine Gastschwester nur mit den Schultern – irgendwann würden wir schon ankommen und das taten wir tatsächlich. (Dank Google Maps!!!)

Ich muss gestehen, gearbeitet habe ich nicht allzu viel, aber eines habe ich gelernt, nämlich alles mit etwas mehr Gelassenheit zu nehmen und mich nicht zu wundern, wenn ich morgens mal wieder die erste Stunde allein im Büro saß – mit Pünktlichkeit haben es die Inder nicht so und ihre Arbeitsmoral lässt sich ganz gut mit folgenden Worten beschrieben: Was ich heute kann besorgen, kann ich genauso gut morgen oder in meinem nächsten Leben erledigen. Dennoch wurde ich auch im Betrieb herzlich aufgenommen.

Im Laufe der vier Wochen erlernte ich den Umgang mit AutoCAD, einem Programm, mit welchem man Baupläne für Häuser zeichnen kann und hatte die Möglichkeit, von mir entworfene Dinge mit diesem Programm zu zeichnen. Außerdem durfte ich ein Außenmosaik für ein Bauprojekt entwerfen, was hoffentlich nun dessen Eingangsbereich schmückt.

Trotz des anfänglichen Kulturschocks, der sich bei mir tatsächlich hauptsächlich auf den Straßenverkehr beschränkte, gewöhnte ich mich nach und nach auch an diesen und fing schließlich an, daran zu glauben, die riskanten Überholmanöver zu überleben und wunderte mich auch nicht mehr, wenn wir wiedermal falsch herum in einen Kreisel fuhren, schließlich erreicht man so die letzte Ausfahrt viel schneller – sie ist dann nämlich die erste.

In vier Wochen Indien hatte ich die Möglichkeit, viele unglaubliche Erfahrungen zu sammeln, von denen ich keine missen möchte.

India – I love(d) it!

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