Philipp Brandes · 08.10. - 02.11.2018

USA

Es begann alles mit dem Blick aus dem Flieger eine halbe Stunde vor St. Louis. Sehr große Häuser, dachte ich mir, und Platz für mindestens 10 Internate dazwischen.

Dass sich dieser erste Eindruck fortsetzen sollte, wusste ich damals noch nicht. Dann stellte ich fest: Eine Stunde Autofahrt war eine Normalität und auch Gehwege gab es kaum, geschweige denn Fußgängerzonen. Keine Altstädte, alles war auf Autos ausgelegt und als an einem Tag ein Kollege mit dem Fahrrad zur Arbeit kam, war das schon eine Besonderheit.

Die USA, ein riesiges und sehr besonderes Land. Nachdem ich Anfang Oktober dort in St. Louis angekommen war, erlebt ich ein Wechselbad der Gefühle und wurde mit einer Fülle von Erfahrungen schier überrannt.

Die meisten rührten von meiner auf eine unglaublich interessierte Art liebenswürdigen Gastfamilie her, deren Kinder zwar schon außer Haus waren, bei denen ich mich aber trotzdem nie zu jung, gelangweilt oder als Fremder fühlte.

Nun gut, zu jung fühlte ich mich schon einige Male, wenn Herausforderungen wie lange Distanzen zu Fuß oder ein gigantisches Felsenmeer in einem sich bis zum Horizont erstreckenden Waldmeer mir bewusstmachten, dass das manche Leute in Amerika nicht ganz so mühelos ging.

Wie dem auch sei, meine Gastfamilie nahm mich quasi sofort als Familienmitglied auf und fütterte mich wortwörtlich bis zum Platzen mit amerikanischer Kultur. So unternahmen wir an Wochenenden meist Tagesausflüge, beispielsweise in das Herz der Country Music, Nashville, fünf Stunden nach Südosten. Und auch in St. Louis gab es, neben der täglichen Überquerung des Missisippi auf dem Weg zur Arbeit, viel zu sehen. Ganz berühmt ist natürlich der große Bogen, von dessen Spitze man aus einen tollen Blick über die ganze Stadt hat. Über das Eishockeystadion, in dem wir zweimal waren, das Haunted House, das meinen Puls auf nie geahnte Höhen beförderte und neben diversen Restaurants natürlich das Kino, in dem ich meinen ersten Horrorfilm gesehen habe.

Natürlich gab es viel Fastfood und neben den gigantischen sieben Tage die Woche geöffneten Malls ist auch sonst alles einfach nur riesig in den USA, auch die Portionen in Restaurants, weswegen es dort üblich ist, sich die Reste immer einpacken zu lassen und dann unter der Woche ein vielfältiges Festmahl zu veranstalten.

Doch neben dem klischeehaften ausschließlichen Fastfood-Essen habe ich auch traditionelle Feiertage und Speisen erlebt. So haben mir meine Gasteltern ein verfrühtes und außerordentlich leckeres Thanksgiving-Meal zubereitet und ich konnte den Zauber der Atmosphäre eines solchen Tages erahnen. Den Abend vorher und auch am Sonntagmorgen dann schufteten wir unermüdlich, aber mit unglaublich guter Laune in der Küche, fabrizierten verschiedenste Kuchen und andere traditionelle Speisen, von dem riesigen goldbraun beratenen Truthahn will ich erst gar nicht zu schwärmen anfangen. Und auch ein richtiges amerikanisches Halloween, wie man es sich vorstellt, erlebte ich  beim Herumlaufen mit Nachbarskindern und mit einer vor uns aufgebauten Theke unzähliger Süßigkeiten, einem Hotdog und einem knisternden Lagerfeuer mit Marshmallows.

Doch neben der Gastfamilie gab es natürlich auch noch einen weiteren Ort, der mich täglich mit riesigen Batzen von Erfahrungen bereicherte; Die Arbeit. Untergebracht war ich in der Abteilung „Functional Genomics Operations“ und wurde jeden Tag von meinem Gastvater, der auch bei der LifeScience Sparte von Merck, Milipore Sigma, arbeitete, zur Arbeit gefahren und wieder abgeholt. Tatsächlich hatte ich einen vergleichsweise langen Arbeitstag, was mich aber nicht weiter störte, da ich immer viel zu tun hatte. Wenn nicht, dann freute ich mich über die Zeit, die ich für meine Praktikumspräsentation aufwenden konnte. Meine Gruppe beschäftigte sich hauptsächlich mit Genmanipulation und stellte beispielsweise DNA, RNA, Viren oder Bakterien her. Viele tolle Einblicke gewann ich dadurch, dass ich die gesamte Kette durchlaufen konnte, von der Bestellung und den Aufgaben des Kundenservice über die tatsächliche Produktion im Labor bis hin zur Sendung in gefühlt alle Länder der Welt.

Und auch bei der Arbeit fühlte ich mich sehr willkommen und kam nach einer kurzen Eingewöhnungsphase auch recht gut damit zurecht, den ganzen Tag Englisch zu sprechen.

Ich aß immer mit meinen Kollegen an einem Tisch zu Mittag, meistens draußen in der amerikanischen Sonne und genoss den Klatsch und Tratsch. Einziges heikles Thema: Politik. Man merkte förmlich, wie die Lufttemperatur um ein paar Grad sank.

Und obwohl dieses Praktikum eher eines zum Beobachten war, waren die Dinge, die ich gesehen und gelernt hatte es absolut wert, mein Praktikum als eines der besten zu bezeichnen.

Nun denn, plötzlich war die Zeit auch schon vorüber. Die Wochen waren nur so verflogen, dass ich gar nicht wusste wie mir geschehen war. Jetzt, wo ich mich gerade richtig eingefunden hatte, in der Kultur, der Gastfamilie und dem Betrieb, sollte ich schon auf hoffentlich irgendwann Wiedersehen sagen.

Und dann musste ich Abschied nehmen, zuerst von meinem Team. Wir veranstalteten ein großes Pizzaessen und ich merkte nochmal wie interessant die Amerikaner eigentlich sind. Im gleichen Atemzug indem sie sich lauthals darüber beschwerten, dass ich mir Tunfisch-Pizza gewünscht hatte, saßen wir Cheeseburger-Pizza essend mit einer Flasche Cola in der Hand in der Küche. Ich heftete ein kleines Abschiedsbild an deren Kühlschrank und mit manchen, die mir besonders ans Herz gewachsen waren, verabredete ich noch in Kontakt per E-Mail zu bleiben. Dann kam der weiße Pickup-Truck auch schon vorgefahren und mit einem Mal war alles weg, was mir während der 4 Wochen an Arbeitsumgebung und Leuten ans Herz gewachsen war.

Noch schwerer fiel mir der Abschied von meinen Gasteltern und bis zum letzten Moment saßen wir noch zusammen auf den Sitzen vor der Sicherheitskontrolle. Der Heimflug verlief dann bis auf das Essen im Flugzeug doch noch ganz glimpflich und ich habe mir fest vorgenommen mit meiner Gastfamilie in Kontakt zu bleiben und außerdem wollte meine Gastmutter eh schon immer ein Treffen mit allen ehemaligen Austauschschülern organisieren, die ganze Familie an einem Ort sagte sie immer, das würde sie sich wünschen.

Philipp Brandes, Q1

 

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