Ein bisschen fühlt man sich wie im Zoo, betritt man – 17 Jahre alt, 1,80 m groß – einen Raum voller Kinder – zwei bis sechs Jahre alt, ca. 1,10 m groß. Nur eben andersherum, denn jetzt findet man sich selbst von großen, ehrfürchtigen Augen beobachtet. Die ersten Annährungsversuche erinnern an die Äffchen hinter Gittern, Glasscheiben etc. die unter allen Umständen Aufmerksamkeit zu erregen versuchen. Die Kinder: zurückhaltend, man tauscht Namen aus (vergisst sie zunächst sofort wieder). Das klingt nicht nach der frechen Rasselbande, die man zwischen all dem Spielzeug vermutet? Stimmt! Die erste Viertelstunde im Montessori-Kinderhaus ist nur die Ruhe vor dem Sturm.
„Ich hab dich sooooo lieb!“ verkündet die kleine Ferus und springt mir in die Arme. Eine der ersten Erkenntnisse die man unter den Kleinen fasst: Sie gewähren einem einen unermesslichen Vertrauensvorschuss. Unvoreingenommen sind sie bereit, die vier seltsamen Schülerinnen und Schüler („Internahat? Jeder wohnt doch bei Mama und Papa“ – Gelächter) bei sich aufzunehmen. Bereitwillig zeigen sie uns die Räumlichkeiten, ihre Spiele. Gerade letzteres ist manchmal besonders wichtig. Da die Einrichtung sich an den Leitlinien Maria Montessoris orientiert, stößt man immer wieder auf einige Details, deren Konzeption einem erst die Erzieherinnen so richtig erklären können. Bei banal erscheinenden Tätigkeiten wie dem Umfüllen (farbiger) Flüssigkeiten, dem Schütten verschiedener Materialien oder schlechterdings dem Ertasten ähnlicher Körper um ihrer Unterschiede Willen, sollen die Sinne einzeln geschult werden. Auf diese Art und Weise erhofft man sich ein größtmögliches Maß an Selbstständigkeit bei den Kindern auszubilden. „Hilf mir, es selbst zu tun!“ lautet Montessoris Leitsatz und dem folgen auch viele Regeln im Kindergarten. Ihr Frühstücksgeschirr waschen die Kinder selbst in einem kleinen Spülbecken ab, dabei tragen sie eine Schürze, benutzen ein bestimmtes Handtuch. Der Mittagstisch wird wöchentlich wechselnd von jeweils zwei Kindern gedeckt. Sie zählen auch Teller, Gläser und Besteck sorgfältig ab. Die „Profis“, das sind die älteren Essenskinder, säubern nach dem Essen die Tische. Dass die Kinder den Besuch auf genau solche Regeln testen würden, lag auf der Hand. Wer weiß, vielleicht basteln die Hansenberger ja sogar Waffen, obwohl die in der Einrichtung verboten sind…
Wie selbstverständlich wurden wir in die alltäglichen Abläufe im Kindergarten eingegliedert. Doch neben den Ritualen wie Frühstücken, Stuhlkreis (mit dem ein oder anderen „Hansenberger in der Grube“), Mittagessen, Rausgehen usw. beanspruchte vor allem ein Theaterprojekt mit einigen Kindern, dass wir völlig eigenständig auf die Beine stellen sollten, unsere Zeit. Da wir angehalten waren, dabei auch mit Musik zu arbeiten und da sich Textrollen für die Kleinen als kaum machbar erwiesen, entschieden wir uns für Camille Saint-Saëns’ „Karneval der Tiere“. Für all die Affen, Löwen, Esel, Elefanten, Hühner und Fische konnten wir eine Reihe von Masken gemeinsam mit den Kindern basteln. Mit einfach zu handhabenden Musikinstrumenten wie Trommeln, einem Xylophon, Triangeln, Rasseln, Klanghölzern etc. ahmten einige Kinder Tiergeräusche nach. Der Rest galoppierte, trompetete, „IA“te, schwamm, kroch und turnte durch die improvisierte Manege. Wenn auch die Konzentrationsfähigkeit der Kinder gelegentlich zu wünschen übrig ließ, so waren sie doch von vornherein mit viel Engagement bei der Sache. Schon morgens folgte auf die Begrüßung direkt die Frage nach der nächsten Probe. Dass der ein oder andere Elefant dann doch lieber zum Löwen wurde oder die Trommel schlug, tat dem Erfolg der Aufführung an unserem letzten Tag im Kinderhaus sicherlich keinen Abbruch. Das Publikum aus Erzieherinnen und den übrigen Kindergartenkindern lachte und klatschte so ausgelassen, dass die kleine Maresa nach Verbeugen und Gruppenfoto vorsichtig fragte, ob wir die Aufführung nicht vielleicht noch mal wiederholen könnten – sofort!
Kinder gewähren noch fremden Menschen nicht nur einen großen Vertrauensvorschuss, sie sind auch immer unverblümt ehrlich zu ihnen. Wenn sie sich nach den fünf Tagen, in denen wir sie besucht haben, zu mehreren an unsere Beine klammerten und darum bettelten, „Fußball-Felix“, „Laura Stern“, „Anna die Liebe“ und „der kranke Marius“ mögen doch noch einmal wieder kommen, dann ist das echt. Auf diese Weise scheint es, als gäben einem die Kleinen fast noch mehr zurück als, man selbst ihnen geben konnte.
Anna Patrizia Meinecke, 13c