Internatsschule Schloss Hansenberg

Zur Navigation springen

Schule

Abiturrede 2012

Sehr geehrte Frau Ministerin Beer,

sehr geehrte Frau Heuberger,

sehr geehrter Herr Dr. Zinecker,

sehr geehrter Herr Dr. Roesch,

sehr verehrte Eltern und Angehörige,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

liebe Schülerinnen und Schüler,

liebe Abiturientinnen und Abiturienten

In seinem 2013 erschienen Buch „Ego – das Spiel des Lebens“ warnt Frank Schirrmacher, im Hauptberuf Herausgeber der F. A. Z., eindringlich vor einer neuen Gefahr, die in der Konsequenz unsere demokratischen Strukturen zum Einsturz bringen könnte:

In der Wissenschaft wird diese Gefahr unter dem Begriff „ökonomischer Imperialismus“ diskutiert und meint, ich zitiere Frank Schirrmacher, „dass die Gedankenmodelle der Ökonomie praktisch alle anderen Sozialwissenschaften erobert haben und sie beherrschen“.

Zusammengefasst und überspitzt formuliert, entwickelt das Buch die These, dass nach dem Ende des Kalten Krieges die Spitzen- Physiker des Westens ein neues lukratives Betätigungsfeld gesucht haben, da sie für die Entwicklung der atomaren Drohkulissen so nicht mehr gebraucht wurden.

So stellte der US-Physiker Joseph M. Pimbley 1996 auf der Jahresversammlung der American Physical Society fest, ich zitiere: „Jeder Physiker steht heute vor der Frage, was er mit dem Rest seiner Karriere anfangen will“ – und er empfahl seinen Kollegen an die Wall Street und die Großbanken zu gehen. Die „Quants“, wie wir sie heute nennen, drangen in die Welt der Börse, Banken und Hedge-Fonds ein und entwickelten auf der Basis der wohl bewusst auch falsch ausgelegten mathematischen Spieltheorie ihre auf kurzfristigen Profit, Egoismus, Täuschung der anderen Marktteilnehmer und Profitmaximierung ausgerichteten Algorithmen. Die digitale Revolution mit ihren ungeheuren Rechenkapazitäten in Millisekunden war der Nährboden für die neuen Werkzeuge.

Die Quants erschufen einen modernen „Homunculus“, um an Goethes Faust II anzuknüpfen.

Sie finden, meine Damen und Herren, ich übertreibe, vielleicht, doch ich will Ihnen dazu ein paar Stimmen zitieren, nachzulesen bei Frank Schirrmacher auf den Seiten 43 ff seines Buches:

„Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz spricht von den „Frankenstein`schen Laboren an der Wall Street“: „Im Mittelalter versuchten Alchemisten unedle Metalle in Gold zu verwandeln. Die modernen Alchemisten verwandelten riskante, zweitklassige Hypotheken in erstklassige Produkte, die als so sicher eingestuft wurden, dass sie selbst von Pensionsfonds gehalten werden durften … schließlich beteiligten sich die Banken direkt an dem Glücksspiel.“

„Die internationalen Finanzmärkte haben sich zu einem Monster entwickelt“, war der letzte relevante Satz, den Bundespräsident Horst Köhler, selbst ein Ökonom, vor seinem Rücktritt sagte.

Der Wissenschaftshistoriker George Dyson, der die Geschichte künstlicher Intelligenz wie kein zweiter kennt, beschreibt die aktuellen Crashs als die Entfesselung einer künstlichen Kreatur:

„Es ist so wie bei der Frage, was geschehen könnte, wenn künstliche DNA freigesetzt würde: Wäre es das Ende der Welt, wie wir sie kennen, wenn diese sich selbst replizierenden numerischen Kreaturen freikämen? Aber wir leben jetzt in einer Welt, wo sie tatsächlich freigesetzt wurden – eine Welt, die immer häufiger von sich selbst replizierendem Code gemanagt wird“.

Und schließlich schreibt der Soziologe Manuel Castells, der geistige Übervater der „Netzwerkgesellschaft“: „Wir haben einen Automaten im Innersten unserer Ökonomien geschaffen, der entschlossen ist, unser Leben zu bestimmen. Der Albtraum der Menschheit, dass die Maschinen die Kontrolle über unsere Welt übernehmen, scheint jetzt schon Wirklichkeit zu werden – nicht in der Form von Robotern, die Berufe vernichten, oder Regierungen, die unsere Leben überwachen, sondern als ein elektronisches System finanzieller Transaktionen.“

Mit den Folgen dieser Transformation sind wir heute konfrontiert, offensichtlich wurden sie mit der Lehman-Pleite, jetzt leben wir mitten in einer bedrückenden Euro-Krise, letzteres zu leugnen, wäre betriebsblind.

In seinem Artikel „Das Spielgeldsystem“ vom 24. 04. diesen Jahres zitiert der Feuilletonchef der F. A. Z., Nils Minkmar, dazu den langjährigen EU-Korruptionsbekämpfer und Buchautor Wolfgang Hetzer: „Die europäischen Bürger könnten begreifen, dass das Spiel unfair ist. Noch, erklärt er in einem Interview mit der „Welt“, sei es einigermaßen ruhig. Doch was, „Wenn die Menschen begreifen, unter welchen Umständen ihnen zugemutet wird, harte und ehrliche Arbeit zu leisten, die es ihnen aber allzu oft noch nicht einmal ermöglicht, ein halbwegs unbeschwertes Dasein zu fristen“? Wenn sie also kapieren, dass es ihr Geld ist, mit dem ein verschachteltes System aus schwachen Nationalstaaten und starken Firmen, aus armen Gemeinden und Regionen und reichen Spielern unterhalten wird? Sie könnten begreifen, dass Leistung und Lohn längst entkoppelt wurden, dass „Gerechtigkeit zum hohlen Pathos verkommen“ ist und dass die Demokratie abgelöst wurde durch ein Computerspiel, das alle abzockt. Dann, schreibt Hetzer, ist auch der Frieden nicht mehr sicher: „Die europäische Geschichte zeigt, wie schnell sich Lämmer in reißende Wölfe verwandeln“.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, Sie fragen sich jetzt vielleicht noch einmal, was hat das mit uns zu tun? Ist Ihr Direktor vom Alters-Pessimismus befallen und ergeht sich nur noch in düsteren Zukunftsvisionen? Nein, ganz und gar nicht.

Aber, um einer Gefahr begegnen zu können, müssen wir sie benennen und ihr ins Auge sehen – und da setze ich ganz auf Sie, auf die nächste Generation, die in diesem Land, in diesem Europa, ja in dieser Welt Verantwortung übernimmt. Unser oberstes Ziel am Hansenberg ist es, mit unserem ganzheitlichen Bildungs- und Erziehungsprogramm die Begriffe Leistung und Verantwortung symbiotisch zusammen zu führen.

Dies haben Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, im WG-Leben, im Unterricht, in Projektarbeiten, Sozialdiensten und vielem mehr drei Jahre lang erfahren.

In unseren MINT- Profilfächern, aber auch in den Sprachen und in Philosophie, Ethik, Religion und entsprechenden Arbeitsgemeinschaften haben Sie mit uns ein Fundament gebaut, das unser Leitbild, „der Mensch wird am Du zum Ich“ mit Leben erfüllt hat.

Wir hoffen, dass Sie nun in die Welt hinaus gehen und den oben genannten Problemfeldern Paroli bieten und dagegenhalten.

Immanuel Kants berühmter Satz „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit; Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“ bleibt für jede Generation immer wieder aktuell, also auch für Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten.

Persönliches Glück braucht dabei immer die anderen, es braucht eine gesellschaftliche Einbindung und liegt eben nicht in der egoistischen, grenzlosen, persönlichen Profitmaximierung. Dies ist eine Fehlentwicklung unserer Tage, die letzten Endes Frieden und Wohlstand gefährdet. Ich persönlich hoffe, nach Hegel, auf die Raffinesse der Dialektik, die übertriebene Einseitigkeiten auch wieder in das Gegenteil verkehrt und dann zu neuen Kompromissen führt.

Vorbilder, auf die wir dabei zurückgreifen können, haben wir genug. Sei es die antike Vorstellung von Aristoteles, der die Bestimmung des Menschen als zoon politicon, also als Mitmenschen gesehen hat, die mittelalterliche Vorstellung der Maße, also des Konzeptes Übertreibungen in jeder Hinsicht zu vermeiden oder als wesentliches abendländisches Fundament unserer Welt, die Botschaft des Christentums, des Evangeliums, die die Nächstenliebe in den Mittelpunkt irdischen Wirkens stellt – ich brauche hier zur Illustration nicht die neutestamentarische Parabel von dem Kamel und dem Nadelöhr zitieren.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bin mir sicher, wir haben dies nicht alles vergessen – und liebe Abiturientinnen und Abiturienten, wir haben Sie hier als tolle verantwortungsbewusste junge Menschen erlebt, die unser Hansenberg-Schiff auch bei gelegentlichen Stürmen immer mit auf Kurs gehalten haben – nochmals, wir zählen auf Sie, wenn Sie nun zu Studium und Beruf aufbrechen.

Wir können Ihnen dabei keine Patentrezepte geben, aber wir haben Ihnen eine kooperative Grundhaltung vermittelt, mit der Sie an die Dinge herangehen können, um die genannten Fehlentwicklungen zu korrigieren und neue Modelle zu kreieren.

Ein Konkretum möchte ich dabei aber dennoch benennen, meine sehr verehrten Damen und Herren:

Wir leben in Europa in repräsentativen Demokratien, etwas Besseres haben wir nicht, dies zeigen unsere historischen Erfahrungen. Wir wählen Parteien und Politiker, die dann, je nach Mehrheiten, Regierungen bilden.

Wir wählen als Wahlvolk aber nicht die Vorstände oder Aufsichtsräte von Goldman Sachs, Morgan Stanley oder der Deutschen Bank; dies liegt nicht in unseren demokratischen Verfassungsstrukturen. Im Moment sehen wir aber – siehe oben – die fatale Entwicklung, dass die Politik, unsere gewählten Volksvertreter, von den Finanzmächten der Welt getrieben, ja teilweise dominiert wird. Dies ist zutiefst undemokratisch.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, dies wäre mein Appell, arbeiten Sie mit daran, dass in unseren Strukturen der Primat der Politik aufrechterhalten wird und dort zurückgeholt wird, wo wir ihn verloren haben.

In unserer Verfassung, Artikel 20 (2) ist dies klar geregelt: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt“.

Mit anderen Worten, letzten Endes sollten wir als Staatsbürger bestimmen, wo es lang geht – und sonst Niemand. Der liberale Wirtschaftstheoretiker, August von Hayek, der gewiss nicht in Verdacht von übertriebener Politiknähe steht, sagt dazu, ich zitiere: „Alle Ziele, die Menschen durch ihr Wirtschaften verfolgen, liegen außerhalb der Wirtschaft.“

Oder, um es mit meinem Lieblingstheoretiker Benedikt von Nursia zu sagen: „Die Energie der Arbeit hat verheerende Folgen, wenn sie keinen Bezugspunkt mehr hat.“

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten, wir haben versucht, Sie in den drei Jahren auf dem Hansenberg ganzheitlich auszubilden und zu erziehen. Diese Verantwortungskultur, die wir für unsere Welt immer wieder neu in Erinnerung bringen müssen, haben wir versucht hier zu leben.

Dass uns dies ein Stück weit gelungen ist, dafür danke ich all den Mitarbeitern, Partnern und Freunden, die daran mitgewirkt haben: Meinen Kolleginnen und Kollegen an der Internatsschule: also den Lehrern, Sozialpädagogen, der Verwaltung, der Küchenmannschaft und dem Reinigungspersonal, den Elterngremien und vor allen Dingen auch unseren Partnern, der Firma Linde, der Commerzbank und der Robert-Bosch-Stiftung, ohne deren Unterstützung Vieles an der Schule nicht möglich wäre.

Und auch vielen weiteren Gönnern und Stiftern, stellvertretend sei hier die Ingrid zu Solms Stiftung genannt, die helfen, unseren Betrieb erfolgreich weiter zu führen. Herzlichen Dank an alle für ihre materielle, personale und moralische Unterstützung!

So, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, gehen Sie jetzt hinaus in die Welt und machen Sie unser Leben ein Stück besser.

In diesem Sinne, wünsche ich dem Abiturjahrgang 2013 der Internatsschule Schloss Hansenberg nun von ganzem Herzen alles Gute, viel Glück und Gottes Segen – denken Sie ab und zu an das Schlösschen zwischen den Weinbergen, das drei Jahre lang Ihr Zuhause war.

Wolfgang Herbst

Startseite · Übersicht · Impressum