Internatsschule Schloss Hansenberg

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Theater am Hansenberg

Eine Mitschülerin steht mir gegenüber. Ich schreie sie an, mit aller Kraft. Sie muss grinsen. Ich versuche mich zu konzentrieren und schreie weiter. Was für ein Theater! Nicht ganz - noch sind wir ja in der Probenphase. Erst bei der Aufführung wird es dann wirklich ernst ... Natürlich ist das nicht immer Probenalltag - jedenfalls nicht das Gebrülle; das Grinsen dagegen schon. Obige Schilderung ist eine Impression aus den Proben des allseits bekannten Werks ”Faust I“ (Aufführung [siehe Chronik]).

Was bedeutet Theater am Hansenberg für mich eigentlich? Und was hat mich dazu gebracht? Letztere Frage ist wahrscheinlich leichter zu beantworten: Als ich gerade frisch auf den Hansenberg gekommen war, brauchte die Theatergruppe “Autumnal Men” noch einige 11er, die sich im Stück “Rosenkranz und Güldenstern sind tot” von Tom Stoppard für die stummen Rollen opferten; wie auch immer mein Lateinlehrer (und seitdem auch Regisseur) Dr. Müller es schaffte - ich glaube, er fragte mich einfach -, erklärte ich mich dazu bereit, das Stück in der Rolle eines von fünf zungenlosen Schauspielern pantomimisch zu unterstützen. Es war die erste Theateraufführung, bei der ich dabei war - auch als Zuschauer.

Den Inhalt und vor allem die Philosophie hinter dieser Hamlet-Interpretation habe ich bis jetzt nicht verstanden, obwohl ich nun insgesamt an vier Stücken (und etlichen Theaterfahrten) beteiligt war. Und auch wenn die Spielerei dieses ersten Stücks meinen Kopf nicht mit irgendwelchen brillanten Gedankengängen zu füllen wusste, so doch wenigstens mit dem Bestreben, irgendwann einmal genauso gut zu sein, wie die großen 13er.
Ich spielte also weiter - und zwar mit Text.

In zwei Jahren Hansenberg waren es drei Stücke: ”Maß für Maß“ von Shakespeare, ”Das Haus des Richters“ von einem bulgarisch-österreichischen Autor namens Dimitré Dinev und als letztes Goethes ”Faust I“. Ob ich es inzwischen geschafft habe, den schauspielerischen Qualitäten meiner Vorbilder das Wasser zu reichen, weiß ich nicht; interessiert mich nun auch nicht mehr. Viel wichtiger ist, was ich aus der ganzen Theaterzeit mitgenommen habe - und damit komme ich zur zweiten Eingangsfrage:

Mutatis mutandis wird die Theater-AG für mich durch zwei Dinge gekennzeichnet: Sie macht unglaublich viel Spaß und raubt noch viel mehr Zeit - in der Endprobenphase wöchentlich etwa sieben Stunden; ein Aufwand, der sich nach meinem Empfinden für jede Aufführung gelohnt hat. Nicht nur der Applaus am Ende (der Mythos über den Lohn des Schauspielers erscheint mir immer plausibler), auch die ganze Probenzeit vorher ist erfüllend, prägend, lustig, manchmal sogar richtig spannend. Interpretationen mit ganz anderem Ansatz als im Deutschunterricht: stimmlich, leiblich, in den Proben variierend und zu den Aufführungen hin in Details hinein festlegend.

Es war schön mitzuerleben, wie die Theatergruppe sich innerhalb der Erarbeitung eines Stücks und über die gesamte Theaterspielzeit hin entwickelte. Auf der einen Seite die Qualität des Spiels, die bei uns allen unterschiedlich schnell und auch zu völlig verschiedenen Zeiten zugenommen hat; andererseits die soziale Entwicklung hinsichtlich Zusammenhalt und Identifikation.

Während beim aller ersten Stück vor den Weihnachtsferien meiner 11 nur vier aus meinen Jahrgang teilnahmen und wir als 12er im zweiten Stück, das Anfang September des folgenden Jahres aufgeführt wurde, zum Großteil nur Nebenrollen belegten, bildete sich danach aus einem Teil von uns die erste jahrgangsinterne Theatertruppe, die in den Grundzügen bis zum “Faust I” erhalten blieb.

Nun sind wir auch mit unserem letzten Werk fertig, bereiten uns aufs Abitur vor, verbringen außerhalb der Schule lange nicht mehr so viel Zeit miteinander. Und doch, glaube ich, gibt es irgendetwas, das uns verbindet - vielleicht ein Gedanke oder eine Erinnerung. Oder sogar eine Philosophie - wer weiß?

Marcel Kahl, 13d (2010/ 2011)

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