Wie ich mich in meiner WG fühle? – Ausgezeichnet…. natürlich
Alles läuft perfekt, alle sind nett, jeder immer hilfsbereit und alle sind bestens integriert, Außenseiter gibt es keine.
Streit sucht man selbstverständlich vergeblich, schließlich sind wir alle optimal sozial kompetent und Gründe für Streits folglich utopische Wahnvorstellungen, die keine reelle Daseinsberechtigung haben.
Ich gehe in den Unterricht und während ich von allen gegrüßt werde, denke ich über diese Sätze nach, ich schmunzle und denke an politische, philosophische, gemeinschaftswissenschaftliche Ideologien, eine undefinierbare Kategorie, in die ich diese Sätze abstempeln möchte, Sätze die höchstens Idealisten erfreuen können. Aber in der echten Welt, das kann man beklagen und bewerten wie man möchte, sind solche Ideale eben nur Ideen und Vorstellungen.
In diesem Punkt ist natürlich auch Hansenberg keine Ausnahme. Einiges ist auf Hansenberg anders, vielleicht auch besser, gerade was die Umgangsformen und das Verhalten Einzelner in der Gruppe angeht. Aber auch hier sind alle ganz normale Menschen mit Bedürfnissen und daraus resultieren, gerade auf engem Raum in einer WG, auch einmal Meinungsverschiedenheiten. Glücklicherweise ist das so, denn alles andere wäre nicht normal und würde auch keine Reize im Internatsleben setzen. Im Gegenteil: Diese kleinen Reibereien sind enorm wichtig, da sie auch für Spannungen sorgen, die es in der WG auszudiskutieren, zu klären gilt. Und ist solch eine kleine Krise ausgestanden, macht sie die WG als Ganze nur noch stärker und schweißt zusammen. Außerdem sind Auseinandersetzungen wichtig, um das Zusammenleben zu vereinfachen, besser es gibt Streit und jeder kennt die Bedürfnisse der anderen, so kann man einen Kompromiss finden, als dass man nur nebeneinander her lebt und sich nicht mit den anderen auseinandersetzt.
Das setzt aber wirklich eine soziale Kompetenz von jedem einzelnen voraus, nur so kann solch ein System funktionieren. Offenheit ist also wichtig, damit man mit den anderen klar kommt. Eine gute Atmosphäre in der WG hingegen ist das Wichtigste, weil die WG den Familienerstatz für die Zeit am Hansenberg bildet. Hier kann man sich zurückziehen und reden, wenn man Probleme hat und hier fühlt man sich wohl. Die funktionierende WG ist das A und O, sie kann man sich nicht ersetzen, nicht aussuchen, es gilt sich zu arrangieren. Meist läuft all das problemlos ab, aber manchmal muss es krachen, damit man sich danach gegenseitig und sich selbst im Spiegel noch ansehen kann und daraus eine WG-Verbundenheit entsteht, die nicht selten die Hansenbergs- und Internatszeit generell überlebt. Und Teil einer solchen ehrlichen, verbundenen Gruppe zu sein, ist eine unschätzbar wertvolle Erfahrung, die ein Leben lang stützen und Rückhalt bieten kann- eine zweite Familie eben.
Felix Schweren, 11c (2007/2008)